Brug Schreckenstein

Die Grundidee wirkt mittlerweile wirklich aus der Zeit gefallen: Ein Burginternat, bewohnt von Jungen, die sich selbst Ritter nennen, primär vom eigenen Ehrenkodex im Zaum gehalten werden und sich in ihrer Freizeit bevorzugt Streiche mit der Mädchenschule vom Schloss Rosenfels liefern. Wie bringt man also diesen beliebten, fast 30 Jahre alten Kinderbuchstoff ins Jahr 2016? Eine Möglichkeit wäre: Inhaltlich möglichst wenig ändern und den Hauptdarstellern gelegentlich Segways, Longboards oder Drohnen in die Hand drücken. Klingt zugegeben etwas banal, für „Burg Schreckenstein“ funktioniert das aber irgendwie. Mit der seltsam anmutenden Lebensrealität des alten Burggemäuers muss sich auch der elfjährige Stephan (Maurizio Magno) arrangieren, dessen geschiedene Eltern sich von der Internatssituation eine Aufbesserung seiner Schulnoten erhoffen. Die Aufnahme in die bestehende Gemeinschaft geht natürlich nicht ohne kleinere Reibereien vonstatten. Stephan, zunächst sehr skeptisch ob seines neuen Zuhauses, findet sich aber schnell ein und wird von Ottokar, Dampfwalze, Mücke und Strehlau in den Ritterorden aufgenommen. Gemeinsam pflegen sie den Kleinkrieg mit den benachbarten Mädchen, bis diese auf einmal vorübergehend in Schreckenstein einziehen müssen - und das ausgerechnet zur Zeit des alljährlichen Burgfestes. Ein typischer Schreckenstein-Stoff also, dessen filmische Handlung sich dankenswerterweise Fettnäpfchen wie zu viel Drama um Stephans Schicksal oder peinliche romantische Subplots schenkt. Was links und rechts geschieht interessiert den Film wenig, sein Fokus liegt auf der schnellen Etablierung der Parallelrealität Schreckenstein. Ein erfolgreiches Unterfangen, unabhängig von der nur in Teilen aufflackernden Aura der Bücher, denn für das junge Zielpublikum gibt es Themen auf Augenhöhe. Zum einen der Umgang mit dem anderen Geschlecht, zum anderen die antiautoritäre Erziehung zur Eigenverantwortung, die die Erzählungen aus Schreckenstein schon immer reflektierten. Wenig Hintergrundgeschichte und Subplot resultieren allerdings auch in einigen Längen, die man beispielsweise mit etwas mehr Charakterzeichnung der Kinder hätte ausmerzen können. Ein Gegengewicht bietet hier Henning Baum („Der letzte Bulle“), der die Rolle des Rektors sichtlich mit Leben füllt und den jungen Darstellern, sowie den leicht überzeichneten Rollen von Sophie Rois als Leiterin von Schloss Rosenfels und Harald Schmidt als Burggraf einen vollendeten, routiniert gespielten Gegenpart liefert. In Zusammenhang mit einer flotten Inszenierung, die auch nette visuelle Abschweifungen inkorporiert, bleibt „Burg Schreckenstein“ ein wenig anachronistisch, ist aber gleichzeitig moderner Jugendfilm. Damit mag er Fans erster und zweiter Stunde gelegentlich etwas auf dem Trockenen sitzen lassen, deren Enkel oder Kinder aber gut unterhalten.

 

Money Monster

„George Clooney, zumeist Darsteller omnipotenter Eleganz, darf sich im Thriller „Money Monster“ mal anders zeigen. Die Oscar-Gewinnerin Jodie Foster inszeniert den Mittfünziger als Lee Gates, den infantilen Fernsehmoderator einer Finanzberatungsshow. Im einen Moment showboxt Finanzgenie Gates im Studio mit leicht bekleideten Mädchen, um nur zwei Minuten später dem geneigten Publikum todsichere Anlage-Tipps zu geben. Dann nimmt jedoch ein verzweifelter Anleger Gates live auf Sendung als Geisel. Produzentin Patty Fenn (Julia Roberts) forscht nun gezwungenermaßen aus ihrem Aufnahmestudio heraus den Geschehnissen eines handfesten Hochfinanzskandals hinterher, während sie versucht Gates und ihr Team am Leben und die Show am Laufen zu halten. Vereinfacht könnte man „Money Monster“ also als Hollywood-Reaktion auf die gestiegene Skepsis der Menschen gegenüber dem Finanzmarkt verkaufen, doch wäre das dem Guten zu viel. Der Film ist vor allem ein solider Thriller, der zwar andeutet systemkritisch zu argumentieren, mit fortlaufender Spielzeit jedoch mehr und mehr konkrete Krimi-Elemente annimmt. Der Thrill entsteht nicht nur im Fernsehstudio, sondern auch in der Welt außerhalb. Routiniert inszeniert wissen vor allem die lustigen Momente immer wieder zu überraschen, die auch vermeintliche Höhepunkte gekonnt untergraben. Damit verliert der Film zwar etwas an Ernst und subversivem Potential, unterhält allerdings ausgezeichnet. Es entsteht ein Thriller mit Wohlfühl-Faktor, welcher nicht zuletzt auch auf das immer charmante Duo aus Roberts und Clooney zurückzuführen ist.“.

 

Amy

„Wollte man Asif Kapadias Dokumentarfilm über das Leben von Amy Winehouse in einem Wort beschreiben, würde dieses Wort wohl, gerade im Vergleich zur damaligen Berichterstattung über die Künstlerin, „sachlich“ lauten. Es wäre als Antwort genau so richtig gewählt, wie es doch den Kern des Films unberührt ließe. „Amy“ wirft nämlich einerseits einen geerdeten Blick auf das Dasein von Winehouse und fokussiert sich auf Wortbeiträge von dutzenden Weggefährten und Zeitzeugen sowie ungeheure Mengen von Archivmaterial, die sich bis zu ihrem Tod im Jahre 2011 angehäuft haben. Das Ergebnis dessen, der fertige Film, verlangt jedoch förmlich nach einer intellektuellen, sowie einer emotionalen Reaktion jenseits jeder Sachlichkeit, wird hier doch ein vielschichtiges Bild gezeichnet: Amy als Produkt ihrer Lebensumstände und ihrer Entscheidungen, als Opfer der teils brutalen Medienwelt und als Frau mit einer verhängnisvollen Prädisposition zum Drogenmissbrauch. Wie konnte es so weit kommen? Diese Frage ist neben der größtenteils eingehaltenen Chronologie der Ereignisse der rote Faden, welcher den Film zusammenhält. Kapadia, der zuvor schon für den hochgelobten Dokumentarfilm „Senna“ über die gleichnamige Rennsportlegende verantwortlich zeichnete, hält sich mit konkreten Aussagen deutlich zurück und arbeitet dementsprechend ohne Kommentar. Informationen erhält der Zuschauer oft über die Aussagen von Weggefährten und Zeitzeugen, die aus dem Off zu hören sind. Die Bildinhalte konzentrieren sich dagegen stets auf Amy selbst, sodass das Erkenntnisinteresse des Films visuell etabliert ist. Eine seiner vielen Errungenschaften ist, dass Winehouse vermenschlicht wird. Dabei ist das Werk bei weitem nicht nur tragisch, sondern widmet auch den unterhaltsamen und lustigen Seiten seiner Protagonistin entsprechende Aufmerksamkeit. Doch schon zu Beginn ihrer Karriere als unbekannte Jazz-Sängerin, zeigt sie deutliche Zweifel daran, ob sie sich mit etwaiger Berühmtheit arrangieren könnte und was folgt, bestätigt sie leider. Besonders beeindruckend ist der Einblick in das Innenleben Amys, der auch durch ihre stets sehr persönlichen Songtexte unterstützt wird. Diese produktive Auseinandersetzung mit der künstlerischen Hinterlassenschaft, ist Symptom von Kapadias Postulat: Die Zeichen waren da, man hätte sie nur lesen müssen. In diesem Sinne geht der Regisseur auch mit seinem Publikum um. Vermeintlich gute, ebenso wie schlechte Einflüssen auf Amys Leben konnte der Brite für Wortbeiträge zu seinem Film gewinnen. Der Zuschauer muss selbst entdecken, wer es ehrlich mit Amy meinte, um ihr Wohl besorgt war und wer vielleicht andere Prioritäten hatte. Unausweichlich wird Amy Winehouses Schicksal auch zu einem Reflektionspunkt für reißerische Medienkultur und einen würdevollen Umgang miteinander im Allgemeinen. Obwohl sich das Leben der Sängerin spätestens seit ihrem Hit-Album Back to Black vermeintlich in der Öffentlichkeit abgespielt hat, zeigt der Film ein anderes, ausgewogeneres Bild, das die Lebensumstände der Sängerin entmystifiziert und die Frage, wie es so weit kommen konnte, weitestgehend beantwortet. Was bleibt, ist Trauer um den Tod einer zarten und charismatischen Persönlichkeit und ein unbehagliches „Was wäre, wenn...?“.

 

It follows

„Man möchte fast sagen: John Carpenter trifft auf Dr. Sommer. Der amerikanische Horrorfilm It Follows dreht sich um einen Fluch, der nur per Sex an den jeweiligen Geschlechtspartner weitergegeben werden kann. Die Gruppe (post)pubertärer Jugendliche um die 19-jährige Jay bekommt damit so einige Probleme. Anrüchig ist der Film trotz allem kaum, dafür aber durchweg spannend und gespickt mit allegorischem Potential. Jay verdankt den unerklärlichen Fluch ihrem neuen Freund Hugh, der sie im Nachhinein erst darüber aufklärt. Nur sie kann die gestaltwandlerische Entität sehen, die sie zu verfolgen beginnt. Jay versucht ihre Freunde, darunter ihre Schwester Kelly, sowie Yara, Greg und ihr bester Kindheitsfreund Paul von der Existenz des Wesens zu überzeugen und sich von ihnen helfen zu lassen. Schon hier, spätestens aber als die Gruppe erfährt, dass der Fluch über Sex weitergegeben werden kann, tritt der Subtext des Films deutlicher ans Tageslicht. Denn während It Follows schon als purer Horrorfilm gut funktioniert, wird die sexuelle Identität der Figuren ebenfalls verhandelt. In der fiktiven Realität des Films, die Eltern und Erwachsene auffallend marginalisiert, wird die intime Begegnung zweier Menschen durch den Fluch dämonisiert. Die Motive der Figuren, etwa des heimlich in Jay verliebten Paul, werden ambivalent und gewinnen darüber an Reiz. Diese Ebene deutet bereits an, dass It Follows gerne leise Momente zelebriert. Auch die schleichende Natur des Monsters trägt dazu bei, dass es sich hier nicht gerade um effektgeladenen Schockhorror handelt. Vielmehr liefert der Film eine ästhetische Hommage an Werke wie John Carpenters Halloween, deren Wirkmacht vor allem atmosphärischer Natur ist. Autor und Regisseur David Robert Mitchell versteht es mit geringem Budget, den Baukasten des Horrorfilms geschickt zu bedienen, indem er zum Beispiel eingängige musikalische Themen integriert, die in den 70ern genau so funktioniert hätten wie sie es heute tun.

 

Minions

„Ich, einfach unverbesserlich“ 1 und besonders 2 gehören zu den erfolgreichsten Animationsfilmen aller Zeiten. Vollkommen klar, dass 2017 Teil 3 ins Haus steht. Zuvor jedoch lässt man die Minions, Sidekicks der ersten beiden Filme in einem Soloprojekt auf die Kinowelt los. Ein cleverer Schachzug. tritt man damit doch zum einen dem Risiko sich zu sehr zu wiederholen offensiv entgegen und schickt zum anderen absolute Publikumslieblinge ins Rennen, die sich quasi von selbst vermarkten. Das schlicht „Minions“ betitelte Prequel zu den bisherigen Filmen geht der Herkunft der kleinen, gelben Fantasiewesen auf den Grund, deren Lebensaufgabe es seit Anbeginn der Zeit ist, einem großartigen Bösewicht zu dienen. Doch ob Tyrannosaurus Rex oder Napoleon Bonaparte, das Pech scheint den tollpatschigen Minions oder vielmehr ihren Herren stets am Fuß zu kleben, weshalb keine ihrer beruflichen Beziehungen besonders lange hält. Resultierend daraus, findet sich das ganze Volk in den 60ern deprimiert vor sich hin vegitierend in einer Eishöhle wieder. Der couragierte Minion Kevin zieht die Konsequenzen daraus und begibt sich mit Möchtegern-Rockstar Stuart und Nesthäkchen Bob auf die Suche nach einem würdigen Chef. An diesem Punkt beginnt eine Charakterzeichnung besagter Minions, die über Bekanntes hinausgeht, jedoch oberflächlich bleiben muss, allein schon da sie außer Worten wie „Banana“ oder „Boss“ in ihrer Fantasiesprache nicht allzu viel Verständliches von sich geben können. Auch über Emotionalität können sich nicht differenzierter ausdrücken: Hals über Kopf überkommen sie Gefühle wie Neugier, Hunger oder Wut, die sich sofort körperlich in Aktionen entladen. Das klingt eindimensional und ist es auch, funktioniert über eine kurze Laufzeit von 91 Minuten allerdings sehr gut, denn man kann und soll die gelben Chaoten schließlich nicht ernst nehmen. Auf den ganz großen Rahmen wird verzichtet zugunsten eines Unterhaltungskinos mit wuseligen Hauptfiguren, die sich mit hohem Tempo zwischen gelungenen Gags und Abenteuer-Einlagen sowie von Ort zu Ort bewegen. Angekommen in New York geht es für die Minions über Orlando, wo sie sich auf einer Messe für Superschurken aller Art dem Star der Veranstaltung Scarlett Overkill anschließen dürfen, im Gefolge ihrer neuen Herrin nach London. Das Ziel: Die Krone der Queen stehlen und Scarlett glücklich machen. Das Flair der 60er durchzieht während der gesamten letzten zwei Drittel des Films sowohl Aufmachung der animierten Welt, als auch den besonders hervorzuhebenden, hochkarätig bestückten Soundtrack. Doch auch dieser täuscht nicht darüber hinweg, dass der Film mit der Einführung der Superschurkin letztlich den Rückschritt in ausgetretene Pfade der „Ich, einfach unverbesserlich“-Filme geht und gelegentlich etwas arg bemüht scheint, die Vorgänger zu übertrumpfen. Zwei banal-lustige Witze später, spielen solche Schönheitsfehler und etwaige Ungereimtheiten allerdings schon kaum noch eine Rolle mehr, denn der Unterhaltungswert leidet darunter nicht wirklich. Die süßen, tollpatschigen und frechen Fantasiewesen können eben auch ohne die perfekte, herzerwärmende Geschichte unterhalten und darin liegt die Schönheit dieses rasanten Animations-Trips.

Victoria

Es lohnt nicht darum herumzureden: Der große Kniff bei Victoria ist die Entscheidung des Teams um Regisseur Sebastian Schipper, den gesamten Film ohne Schnitt zu gestalten. 134 Minuten am Stück gedreht, ein technisches Statement von vielleicht einzigartiger Konsequenz und eine Leistung aller Beteiligten, die großen Respekt verdient. Nun muss diese inszenatorische Entscheidung für das filmische Erlebnis nicht zwingend von hoher Relevanz sein. Man schaue sich Oscar-Gewinner Birdman an, dessen Plansequenzen durch unsichtbare digitale Schnitte zusammengeführt wurden – eine nette Spielerei, mehr aber auch nicht. Victoria dagegen vermittelt dem Zuschauer eine eigene Form von Dauer, Unmittelbarkeit und Authentizität. Berlin, ungefähr vier Uhr morgens: Victoria (Laia Costa) tanzt in einem der unzähligen kleinen Elektroschuppen der Hauptstadt. Auf dem Weg nach draußen trifft sie auf Sonne (Frederick Lau) und seine Freunde Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff), die auf dem Weg zum Feiern am Türsteher scheitern. In gebrochenem Englisch machen die Jungs der Spanierin klar, dass sie echte Berliner sind und Victoria jetzt das echte Berlin zeigen. Gemeinsam brechen sie auf zur schönsten Stunde des Films, in der eigentlich nicht viel passiert: Ein Einkauf im Späti, eine vermiedene Schlägerei, ein Besuch auf den Dächern Berlins und Sonne, der Victoria in das Café bringt, das sie in wenigen Stunden für einen Hungerlohn bewirten muss. Ungeschminkt kommt der Film daher: Keine weichgespülten Dialoge, keine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere, nur „real Berlin guys“ und eine Spanierin, die Anschluss sucht. Die Schauspieler, besonders Laia Costa und Frederick Lau treiben sich dabei in ihren größtenteils improvisierten Gesprächen gegenseitig in beeindruckende Höhen der Authentizität. Das Gezeigte wirkt aus dem Leben gegriffen, das Flair leichtsinniger Euphorie einer auf der Straße endenden Partynacht ist eindrucksvoll eingefangen. In der Folge wird das Grüppchen durch Verwicklungen um den Heißsporn Boxer auf die schiefe Bahn gedrängt und der Film gleitet sukzessive in Richtung Thriller. Unterstützt durch Nils Frahms großartigen Score, der an Cliff Martinez' Arbeit in Drive oder Spring Breakers erinnert, entwickelt sich ganz ohne Schnitt und die damit verbundenen Möglichkeiten zur Verdichtung der Handlung eine konstante Spannung, die ihren Rhythmus durch die Dauer und damit verbundene Intensität der Handlungselemente erhält. War die Kamera und damit bis zu einem gewissen Maße auch der Zuschauer schon Teil des Geschehens, ist sie spätestens jetzt Ursprung eines Sogs mit ihrer Nähe zu den Figuren in stickigen Autos, Parkgaragen, engen Wohnungen und inmitten all der aufkommenden Hektik. Die Figurenpsychologie wird dabei nicht vernachlässigt, das zuvor Etablierte wird nun bloß in einer Thrillersituation ausgespielt und auf die Probe gestellt. Nach über zwei Stunden ist Schluss und man kann sich fragen, ob Victorias Exzess gegen Ende nicht über das Ziel hinausschießt. Sicherlich braucht dieser One-Take-Film mit solch starken Darstellern, toller Musik und beeindruckender Kameraführung die überbordende Spannung nicht zwingend, um gutes Kino im ruhigeren Stil zu sein. Doch umgekehrt argumentiert nutzt Victoria in seiner Eigenschaft als Thriller die Möglichkeiten des One-Take-Films, schafft zunächst eine extreme Figurenanbindung des Zuschauers und darüber dann extrem packende Unterhaltung der innovativen Sorte. Die Beschaffenheit des Films ist hier mehr als Schall und Rauch, sie ist unbändige Kreativität, sinnvoll eingesetzt und erschafft großes deutsches Kino.

Am Sonntag bist du tot

Das öffentliche Bild der katholischen Kirche ist in den letzten Jahren durch etliche Missbrauchsskandale schwer beschädigt worden. Hinter den teils Jahrzehnte zurückliegenden Fällen und ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit geraten die bemitleidenswerten Einzelschicksale oft außer Sicht. Um dies zu ändern braucht „Am Sonntag bist du tot“ von John Michael McDonagh („The Guard“) keine fünf Minuten. Genauer genommen braucht er nur eine Szene, bestehend aus einer einzigen Einstellung eines Geistlichen (Brendan Gleeson) im Dialog mit einem unbekannten Gemeindemitglied. Im Beichtstuhl erfährt Dorfpriester James Lavelle, dass er, stellvertretend für zurückliegende Verbrechen eines anderen Priesters an dem Beichtenden, am nächsten Sonntag sterben soll. Das Rätselraten beginnt.
Allerdings nicht für Lavelle selbst. Schnell wird deutlich, dass er zu wissen glaubt, wer ihm nach dem Leben trachtet. Die folgende Woche verkommt also nicht zu einer Suche nach dem Mörder in spe, sondern zu einem Streifzug durch das Leben des Priesters und seiner Gemeinde. Das Rätseln überlässt der Film größtenteils dem Publikum, das stattdessen nach und nach die skurrilen Bewohner des kleinen irischen Küstenorts kennenlernen darf. Die plakativ zufriedende Ehebrecherin Veronica (Orla O'Rourke), der sozial ausgeschlossene, gelangweilte Millionär Fitzgerald (Dylan Moran) und der leicht selbstreflexiv angelegte, herzlose Arzt Dr. Harte (Aidan Gillen) sind nur einige der skurrilen Gestalten, mit denen sich Lavelle herumschlagen muss. Sie alle tragen ihr Herz auf der Zunge und gehen brutal offen mit dem Priester um, wohl in dem Glauben, vor ihm keine gesellschaftliche Rolle spielen zu müssen. Diese Offenheit führt zu pointiert eingesetztem britischen Humor der deftigeren Sorte und zu harten Einblicken in die Gedankenwelt der Charaktere bezüglich tiefgreifender Fragen, die weltlicher wie auch ethisch-religiöser Natur sein können. In den an der Grenze zur Überzeichnung gelagerten Rollen überzeugt das Ensemble dabei auf ganzer Linie.
Im Kontrast zu den Dorfbewohnern sind die inneren Vorgänge Lavelles ein Mysterium. Brendan Gleeson nahm bereits in McDonaghs Spielfilmdebüt „The Guard“ die Hauptrolle ein und mimt im nachfolgenden Projekt auf angenehm zurückgenommene Weise einen rechtschaffenen Priester. Trotz der konstanten Provokation, die das Verhalten der Menschen darstellt, scheint er niemals komplett die Fassung zu verlieren, niemals vollends aus der Rolle zu brechen. Durch seine Beziehung zu seiner suizidal veranlagten Tochter Fiona (Kelly Reilly) lässt sich noch am ehesten etwas über seine Vergangenheit und sein Innenleben in Erfahrung bringen. Sie stellt eine Verbindung zu seinem alten Selbst und eine Bezugsperson außerhalb seines Amtes dar. Der Lauf der Dinge nagt allerdings auf Dauer doch an Lavelle und seine Fassade bröckelt. Dadurch tritt er, trotz starker Konkurrenz des Ensembles, als interessanteste Figur des Films hervor.
Die Dramaturgie der Handlung fällt dagegen flach aus. McDonagh zeigt sich in seinem zweiten Werk eher als ein Filmemacher für die ruhigeren Töne. Lavelles Charakterentwicklung, ebenso wie die Identitätsfrage des potentiellen Mörders werden nur mit signifikanten Abstrichen als Triebfedern der Filmhandlung mobilisiert. Vielmehr verweigert sich der Film einem primären Fokus und lässt den Zuschauer etwas allein mit dem Leinwandgeschehen, was einerseits interessant, aber dann und wann auch frustrierend sein kann. Etwas mehr Pfiff und ein paar mehr Höhepunkte hätten der Handlung sicherlich gut getan. Dafür vermag die allgemein entstehende Ruhe einen effektiven Kontrast für die wenigen eskalativen Handlungsinhalte darzustellen und passt außerdem gut zur kargen Idylle der irischen Küstenlandschaft, die gekonnt und in schönen Bildern eingefangen wird.
Nicht der Spannungsbogen, sondern Charaktere und Dialoge müssen also den Film tragen und sind dazu glücklicherweise problemlos in der Lage. Das Werk entwickelt seinen Reiz am ehesten über einige groteske Handlungselemente, sowie die geschliffenen Dialoge, inklusive der damit einhergehenden schauspielerischen Akzente. Das Endprodukt wirkt sehr stimmig, geizt auf die gute Art mit ablenkenden Reizen und ist dadurch sehr angenehm anzusehen. Diese Form der Präsentation birgt zwar nicht ausschließlich Vorteile, weiß aber letztlich deutlich zu gefallen. Außerdem ist sie entscheidend für die Pointe der Geschichte, die es wirklich in sich hat und für die allein sich der Kinobesuch schon lohnt.
 

 

Step up all in

Das Step-Up-Franchise scheint für den modernen Tanzfilm in etwa das geworden zu sein, was die Fast & The Furious-Reihe für Auto-Fetischisten und Popcorn-Action ist: Fast schon seriell produzierte Filme, die ein großes Nischenpublikum bedienen, eine glaubwürdige filmische Realität außer Acht lassen und stattdessen dem Credo „höher, schneller, weiter“ folgen. Und überraschenderweise kommt diese Entwicklung Step Up All In 3D tatsächlich eher zu gute. Die klischeebeladene Handlung wird nämlich von den stark überstylten Elemente dominiert und am Ende profitiert davon vor allem der Zuschauer.
Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist Sean (Ryan Guzman) der von seiner alten Crew, dem Mob, aufgrund ausbleibenden Erfolgs in Los Angeles sitzen gelassen wird. Er will seinen Traum jedoch nicht aufgeben und mithilfe seines Freundes Moose (Adam G. Sevani) stellt er eine neue Crew namens LMNTRX zusammen. Mit ihnen will Sean am prestigeträchtigen TV-Battle-Wettbewerb „The Vortex“ teilnehmen und seiner brach liegenden Karriere neues Leben einhauchen. Doch auf dem Weg dahin stehen ihm im Wettbewerb nicht nur der Mob und sein falsch spielender Erzfeind Jasper (Stephen 'Stev-O' Jones ) mit dessen Crew im Weg. Hinzu kommen zu allem Überfluss auch noch Seans verkrampfte Einstellung und seine unkontrollierten Emotionen, die letztlich die Loyalität der Crew(s) auf eine harte Probe stellen.
Damit bietet der Film narrativ natürlich nichts neues an. Wie um diese Behauptung zu unterstreichen, hat fast jede Figur bereits eine Vergangenheit in mindestens einem der Vorgängerfilme, was für Neueinsteiger allerdings kein Hindernis darstellt. Es ist jedoch von Vorteil, dass dieser fünfte Teil des Franchises um seine fehlende Originalität weiß und sich selbst nicht komplett ernst nimmt. Zwar entschädigen die gestelzt wirkenden, selbstironischen Momente, sowie die etwas zahlreicheren mediensatirischen Kommentare nur bedingt für die uninteressanten Abschnitte, aber sie tragen dazu bei, dem Zuschauer die kaugummibunte Klischee-Welt besser zu verkaufen und den Fokus weiter von der Handlung an sich zu entfernen.
Stattdessen steigen die Tanzelemente noch höher in der Hierarchie, als sie das in einem Genre-Film dieser Art ohnehin schon sollten. Es ist sicherlich legitim, dem Film diesen Überschuss vorzuwerfen. Doch wer an Breakdance-Einlagen und spektakulären Tanz-Choreographien nichts findet, ist wenig überraschend hier fehl am Platz. Für das Zielpublikum gibt es allerdings eine Menge zu sehen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die ausgedehnten Tanzeinlagen teilweise sehr sehenswert inszeniert sind. Die Symmetrie und Genauigkeit in Aufbau und Ausführung der Choreografien wird durch einen entsprechend daran angepassten Bildaufbau und interessante Blickwinkel noch bestärkt. Auch was die Schnittfrequenz angeht, bietet uns Regie-Debütantin Trish Sie ein hohes Maß an Variantenreichtum an. So ist von teils flackernder Musikvideo-Ästhetik bis zu längeren Einstellungen, die die Aufmerksamkeit besonders auf die Athletik der Tänzer lenken, alles zu finden. Trotz der durchaus eklatanten Schwächen in Schauspiel und Story, punktet der Film also da, wo es für ihn wirklich zählt.
Das Drumherum wird dem Durchschnitts-Kinogänger kitschig, langweilig und unnötig pathetisch vorkommen. Allerdings: Wer bei so großem Sparten-Kino etwas anderes erwartet, stellt auch schlicht falsche Ansprüche. Dieser Film will einfach begabten Tänzern eine Bühne geben, um ihr Talent möglichst häufig unter Beweis zu stellen und damit vor allem optisch einen Mehrwert zu kreieren. Das geht größtenteils auf. Vermutlich kann sich ein jüngeres Publikum noch am ehesten mit dem Film als Ganzes anfreunden, während erwachsenen Zuschauern mit Blick auf die Schwächen des Filmes geraten sei, ein wohlwollendes Auge zuzudrücken.

 

 

 

Grand Budapest Hotel

Wes Andersons (Moonrise Kingdom, Der Fantastische Mr. Fox) ist ein Regisseur, der eine Ansammlung sehr außergewöhnliche Filme sein Eigen nennt. Der Mittvierziger aus Texas hat Projekt für Projekt ein extrem komplexes Konzept vorzuweisen, dem er alles und jeden unterordnet: Produktionsaspekte wie Dekor und Kameraarbeit, ebenso aber auch die Unmenge an Stars, die er regelmäßig in seinen Filmen verschleißt und die ihm von Projekt zu Projekt treu ergeben sind. In seinem neusten Streich, Grand Budapest Hotel, feuert der Regisseur diese und andere Aspekte betreffend, erneut aus vollen Rohren. Dadurch bauscht er einen kleinen Krimi zu einer, filmisch wie inhaltlich, unglaublich skurrilen und faszinierenden Reise in die Vergangenheit auf. Während zwei äußerst kleine Rahmenhandlungen im Jahre 1985 und 1968 den Film umschließen, ist die Haupthandlung in dem fiktiven osteuropäischen Land Zubrovka, kurz vor dem zweiten Weltkrieg angesiedelt. Gustave H. (Ralph Fiennes) ist der piekfeine, doch auch recht exzentrische Concierge des dortigen Grand Budapest Hotels. Er ist der personifizierte Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, für Mitarbeiter wie für Gäste. Auch auf seinen neuen Lobbyjungen Zero Moustafa (Toni Revolori) übt er eine Faszination aus, die zu einer respektvollen, familiär anmutenden Beziehung führt. Als Gustave von seiner verstorbenen 84-jährigen Geliebten Madame D. (Tilda Swinton) ein überaus wertvolles Gemälde vererbt bekommt, treibt das Teile ihrer raffgierigen Familie derart in Rage, dass sie dem Concierge Mord unterstellen. Dies tritt eine Kette von Ereignissen in und um das Grand Budapest Hotel los. Gustave und Zero müssen intrigante Mordanschläge und Verfolgungsjagden überstehen, sowie mit Polizei und Gefängnispersonal fertig werden, bei dem verzweifelten Versuch, Gustaves Namen reinzuwaschen. Nun ist Grand Budapest Hotel weder klassisches Krimi-, Thriller-, Comedy- oder Action-Kino. Wes Andersons Kunst liegt darin, alle diese Aspekte durchaus in seine Geschichte einfließen zu lassen, sie jedoch mithilfe von filmischen oder erzählerischen Kniffen auf eine komplett eigene Weise zu präsentieren. Auf Erzählebene tut er dies über das atemberaubende Tempo, das einen sprichwörtlichen Sog der Ereignisse mit sich bringt. Ob das, was passiert nun interessant ist oder nicht scheint zweitrangig (obwohl es meist recht interessant ist), da die Aufmerksamkeit durch die schiere Fülle an Vorkommnissen schon aufrecht erhalten wird. Beizeiten kann das vielleicht etwas zu viel des Guten werden und den Zuschauer übermannen. Gerade zu Beginn des Films hätte ein Tritt auf das Bremspedal dem Film gut getan, da das radikale Konzept, visuell wie auch vom Tempo her von Minute eins an regiert. Dazu kommt noch die komplexe Aufmachung der Geschichte. Eingewöhnungszeit? Fehlanzeige. Sobald die Story allerdings ihren Einstieg gefunden hat, stellt sich ein sehr angenehmer Fluss ein, getragen von extrem durchorganisierten Kamerabewegungen, visueller Brillianz und rhythmischem Schnitt. Die größtenteils im 4:3-Format gefilmten Szenen leben den mittlerweile schon klassischen Anderson-Rechtwinkel-Fetischismus aus und bringen eine Menge an Reizen mit sich: Extravaganteste Sets und Kostüme, herrlich künstliche Animationen und die Einarbeitung der Schauspieler in das um sie herum erschaffene große Ganze. Das Endergebnis sind fantastische Bilder, übrigens fast ausschließlich in Deutschland entstanden. Grand Budapest Hotel stellt dabei die Vergangenheit nicht nach, sondern kreiert sich nach allen Regeln der filmischen Kunst seine eigene. Innerhalb dieser herzerwärmenden und skurrilen Welt, finden dann auch die überzeichnetesten und verrücktesten Charaktere ihren Platz. Das riesige Starensemble vom Schlage Adrien Brody, Bill Murray, Willem Dafoe und Edward Norton, um an dieser Stelle nur einige zu nennen, tritt in einer Rekordzeit auf und ab, wie man es in dieser Fülle, Form und Eleganz vielleicht noch nie sehen konnte. Vergoldet wird das Ganze dann von der faszinierendsten Figur: Ralph Fiennes alias Gustave H. Der Ex-Voldemort – Darsteller brilliert mit seinen ausladenden Dialogen und seiner herrischen Art, seinen kleinen Witzen und Anzüglichkeiten klassisch-britischer Ausprägung. Mit seinen unerwarteten Aktionen und charakterlichen Eigenheiten weiß Gustave den Zuschauer immer wieder zu überraschen und bei Laune zu halten. Ähnliches lässt sich auch über den Film selbst sagen: All die Extravaganz auf technischer wie inhaltlicher Ebene stellt keinen Selbstzweck dar, sondern unterstützt den Unterhaltungsfaktor, der dadurch schlichtweg riesig wird. Dabei liegt Grand Budapest Hotel nichts an einem Gag-Feuerwerk. Vielmehr veranlasst der Film den Zuschauer in seinen 100 Minuten Laufzeit mindestens ebenso oft zu schmunzeln und entlässt ihn trotz zeitweise auch ernsterer Untertöne, mit einem wohligen Gefühl und dem Wissen, gerade eine der außergewöhnlichsten Ausprägungen des Gegenwartskinos genossen zu haben.

 

Dallas Buyers Club

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Dallas Buyers Club ist die Matthew McConaughey – Show. Nicht ausschließlich, aber in großem Maße. Ja, er hatte auch früher Rollen, die ihm mehr als das klassische Lächeln, oberkörperfreies Auftreten und smarte Sprüche abverlangt haben, aber seine Star-Persona ist durch besagte Rollenbeschreibung stark geprägt worden. Zuletzt emanzipierte sich der Texaner jedoch mehr und mehr, auch in öffentlichkeitswirksamen Rollen davon, wohl gipfelnd in der Figur des Ron Woodroof.


Das Jahr 1985 in Dallas: Woodroof, ein äußerst drahtiger, homophober Elektriker, dessen Leben sich zwischen Arbeit, Rodeo, Drogen und Sex abspielt, wird unvermittelt vor eine Diagnose gestellt: Aids. Die Ärzte geben ihm noch 30 Tage.

Auf Unglauben folgt Verzweiflung folgt illegales Beschaffen von Test – Medikamenten und gegen Ende seiner Todesfrist folgt die verzweifelte Flucht nach Mexiko. Über Umwege bekommt er hier eine zweite Chance: in den USA nicht zugelassene Medikamente halten ihn am Leben und er beginnt, diese Medikamente semi-legal nach Dallas einzuführen. Er verkauft sie, gemeinsam mit seiner neuen, transsexuellen Geschäftspartner(in) Rayon (Jared Leto) an Mitglieder seiner Organisation – des Dallas Buyers Clubs. Somit graben sie dem Krankenhausbetrieb und ihrer ehemaligen Ärztin Dr. Eve Saks (Jennifer Garner) schleichend die Patienten ab. Und während sich Ron mehr und mehr mit der Gesellschaft und vor allem dem System, das Pharmakonzerne und ihre Interessen vor das Wohl des Menschen stellt, auseinandersetzt, transformiert sich sein Charakter: Der hedonistisch und selbstsüchtig agierende Mann gewinnt Facetten hinzu, die ihm Sympathie verschaffen.


Diese Entwicklung ist nur selten plakativ oder pathetisch, sondern macht größtenteils einen natürlichen Eindruck. Etwaige Klischees in der Charakterentwicklung werden größtenteils umschifft, wodurch McConaughey stärker in der Pflicht steht, uns diesen wiedersprüchlichen Menschen und sein Leben näher zu bringen. Dies gelingt über seine Performance, die teils neue, teils bekannte Facetten seines Spiels aktiviert und sich mit einer beeindruckenden Physis paart: Für den Film hat er zahlreiche Pfunde verloren und wirkt wie ein Schatten seiner ehemaligen Existenz als Sexiest Men Alive. Doch mit McConaughey ist es nicht getan, auch Jared Leto spielt hervorragend. Er verkörpert seine Rolle eines aidskranken, schwulen Mannes, der als Frau durchs Leben geht derart gut, dass er erst dann unnatürlich wirkt, wenn er sich für eine Begegnung mit seinem Vater in normaler Männerkleidung sehen lässt. Für Leto, Sänger der Band 30 Seconds to Mars, eine Ausnahmeleistung und ein starkes Comeback im Schauspielfach. Resultat für das gut funktionierende, unterernährte Star-Gespann: Jeweils der Golden Globe, einmal als Haupt- und einmal als Nebendarsteller. Jennifer Garner als leicht rebellisches Mauerblümchen Dr. Saks verblasst neben den beiden außergewöhnlichen Charakteren, gibt der Geschichte dadurch aber auch ein wenig Bodenhaftung.


Schauspielerische Extravaganz ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Die Geschichte beruht auf dem tatsächlichen Leben des Amerikaners Ron Woodroof. Regisseur Jean-Marc Vallée inszeniert hier einen Film, der auch politisches Zeugnis ablegt: Über eine Zeit, in der eine unaufgeklärte Gesellschaft nicht nur Homosexuelle, sondern besonders auch Aids-Kranke aufgrund von fehlgeleiteten Vorstellungen ausgrenzt. Über eine Zeit, in der die FDA (eine amerikanische Behörde, zuständig für die Medikamentenzulassung) nicht im Sinne des Menschen, sondern im Sinne des Profits von Pharmakonzernen handelt. Fast 30 Jahre später kann man sich nun fragen: Was hat sich geändert? Oder vielmehr: Hat sich genug geändert? Die Antworten auf diese Fragen sind vermutlich der Grund dafür, dass sich an die 20 Jahre niemand an eine Verfilmung des Drehbuches getraut hat. Während bessere Medizin nur darauf wartet eingesetzt zu werden, versteift sich die Pharmaindustrie aus Profitgier darauf, signifikant schlechtere Medizin von der FDA absegnen lassen zu wollen. Damit wollen sich Woodroof und die anderen Sterbenden nicht abfinden. Das Verhalten von Politik und Wirtschaft spielt also selten direkt, öfter jedoch indirekt eine Rolle für die Handlung. An sich ist das natürlich interessant, nur leider im Film nicht immer spannend aufbereitet und so stellt sich teilweise ein wenig Leerlauf ein.


Dass Dallas Buyers Club im großen Ganzen nicht komplett auf eine klassische Spannungsdramaturgie setzt, ist jedoch eine gute Wahl, zeigt sich so doch die realitätsnähere, konstante Auseinandersetzung mit der Krankheit und den daraus resultierenden Widerständen. „Oft habe ich das Gefühl ich kämpfe für ein Leben, für das ich gar keine Zeit mehr habe“ sagt Woodroof und bringt damit sein Dilemma auf den Punkt. Doch Dallas Buyers Club ist trotz unbequemer Themen, auf- und abschwellender Schwermütigkeit kein zu trauriger Film. Es darf auch mehrfach gelacht werden. Die Vermittlung der Ereignisse in außergewöhnlichem Schauspiel, sodass die Charaktere, allen voran Woodroof dem Zuschauer wirklich nahe gehen, das ist die zentrale Stärke des Films. Dazu noch ein gut umgesetztes, bedeutsames Thema und fertig ist der Oscar-Stoff und (was wesentlich wichtiger ist): ein sehr starker Film.

 

Das radikal Böse

Wie wird aus einem normalen Soldaten ein Massenmörder? Wer waren die Wehrmachtssoldaten, die im Verlaufe des zweiten Weltkriegs Millionen Juden umbrachten? Was an ihnen hat sie dazu befähigt diese unvorstellbare Gräueltaten zu begehen? "Das Radikal Böse" vom österreichischen Regisseur Stefan Ruzowitzky möchte diese und andere Fragen beantworten und widmet sich somit einigen der schwärzesten Schafe der deutschen Geschichte. Genauer gesagt speziell den Soldaten, die noch vor der industriellen Massenvernichtung in Konzentrationslagern an die zwei Millionen Menschen auf konventionelle Weise, also per Gewehrkugel töteten. Dabei wartet der Film mit einer radikalen und doch simplen, über die Filmhandlung später auch belegten These auf:

Diese Männer waren keine Bestien, sie waren Menschen wie du und ich.
Es sollte nicht verwundern, dass die Beweisführung dafür einigermaßen verstörend ist. Den Soldaten soll, und das macht der Film sehr klar, nicht die Verantwortung für ihre Taten genommen werden. Vielmehr geht es um das Verständnis der psychischen und sozialen Prozesse, die im Spiel waren. Wenn von Konformität, Gruppenzwang, äußeren und inneren Einflüssen auf das Verhalten der Schützen gesprochen wird, wirkt das nachvollziehbar. Etliche Experten, vom Historiker über den Militärpsychologen und den Soziologen, bis zum Holocaust-Forscher bringen ihr Wissen mit ein und zeichnen ein Bild vom Soldaten als Produkt von Einflüssen seiner Zeit.
Regisseur Ruzowitzky, der 2008 für "Die Fälscher" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, schafft es, mit etlichen filmischen Mitteln diese unbequemen Inhalte in eine ansprechende Form zu packen. In einer essayistischen Struktur aufgebaut, werden Stück für Stück Teile des Problemkomplexes beleuchtet. Interviewpassagen wechseln sich immer wieder mit inszenierten Szenen ab. Anstatt jedoch die Schauspieler selbst sprechen oder sich selbst anderweitig ausdrücken zu lassen, werden ihre Handlungen mit Originalzitaten von betroffenen Soldaten unterlegt. Diese Sätze, die unter anderem Briefen, Tagebüchern und Gerichtsaussagen entstammen, werden von Weggefährten Ruzowitzkys wie Benno Führmann oder Alexander Fehling gesprochen. Obwohl der Film sehr offen damit umgeht, dass er die damalige Realität nicht abbilden kann, sondern konstruieren muss, entsteht durch diese Herangehensweise eine Authentizität, die es gerade bei besonders perfiden Zitaten in sich hat.
Unterstützt wird dieser Effekt durch die Zusammenstellung der Bilder. Das Bildformat selbst wechselt ständig, das Bild teilt sich, verschwimmt oder es werden zusätzlich unkommentiert Abschussstatistiken von Soldaten eingeblendet. Die kalte Organisation des Massenmordes wird kontrastiert mit den subjektiven Erfahrungen einzelner Beteiligter, nicht nur inhaltlich, sondern auch im Bildausschnitt selbst.


In weiteren Sequenzen bezieht der Film auch noch Erkenntnisse aus anderen bekannten Fällen oder Verhaltensexperimenten, wie etwa dem Stanford Prison Experiment mit ein, um seine Aussage zu untermauern. Außerdem widmet er sich einem konkreten Fallbeispiel des Genozids in der ukrainischen Stadt Bibrka und verwendet gelegentlich Original-Filmmaterial. Das Radikal Böse kommt also mit vielen Ebenen daher, visuell wie narrativ und hierin liegt seine Kraft.


Es geht klar um eine Psychologisierung der Täter, doch filmische und narrative Mittel sorgen für bitter nötigen Abwechslungsreichtum, denn so werden die Inhalte erträglicher und besser vermittelt. Das ist nicht der nüchterne Doku-Ansatz. Hier scheint stattdessen die Arbeit eines Spielfilm-Regisseurs durch, der versuchen möchte seine Zuschauer zu affizieren. Das Radikal Böse ist ein inhaltlich interessanter und vielschichtiger Film und bietet sich, auch wegen des ausgeklügelten visuellen Konzeptes, durchaus für die große Leinwand an.

 

Jack Ryan
 

Der kalte Krieg ist schon lange Geschichte. Gut für die Welt, schlecht für Hollywood, ließen sich dort schließlich wunderbar Spionage-Szenarien und Action-Filme ansiedeln. Nun sind besagte Filmgenres heutzutage anders beschaffen als damals und auch die Umstände, technisch wie gesellschaftlich haben sich gewandelt. Als Konsequenz daraus schnappt sich „Jack Ryan: Shadow Recruit“ das modernere Motiv des Kampfes gegen den Terror, verbindet es mit alteingesessenen Tom Clancy – Charakteren und dem klassischen Erzfeind Russland und kreiert damit den Kalten Krieg2.0. Heraus kommt ein Film, der zwar größtenteils in Moskau spielt, aber durch und durch amerikanisch ist, wie sich allein durch die Ausgangssituation der Story deutlich erkennen lässt.


Jack Ryan (Chris Pine) wird als Student durch 9/11 motiviert zur Armee zu gehen, wird in Afghanistan schwer verwundet und kämpft sich, am Rande der Invalidität stehend, zurück ins Leben. Der Abteilungsleiter einer geheimen CIA – Anti-Terror-Einheit William Harper (Kevin Costner) wird auf ihn aufmerksam und rekrutiert ihn. Einige Jahre später arbeitet er undercover als Analyst an der Wall Street und deckt dort verdächtige Geschäfte des russischen Oligarchen Viktor Cherevin (Regisseur Kenneth Branagh höchstselbst) auf. Bei ihm handelt es sich um einen Drahtzieher terroristischer Aktivitäten, der mithilfe eines Anschlags, das Finanz- und Wirtschaftswesen der Welt und insbesondere Amerikas ins Chaos stürzen möchte. Jack reist, die Ausmaße der Gefahr nicht ahnend nach Moskau und befindet sich ab dem Moment der Landung in Lebensgefahr. Einige Verwicklungen später, die auch Jacks Freundin Cathy (Keira Knightley) betreffen, wird klar, dass von seinem Verhalten und seinem Intellekt das Schicksal der gesamten Welt abhängt.
Jack Ryan: Shadow Recruit ist in seiner ganzen Form und Inszenierung auf vielfältige Weise exemplarisch für das derzeitige Action-Kino. Der Plot ist eine der ungezählten Variationen des Action-Blockbusters, formell und inhaltlich angepasst an das Jahr 2014, und damit leider auch inklusive fragwürdiger Auswüchse der Story. Nebenher läuft die obligatorische kleine Liebesgeschichte, die natürlich mit der Haupthandlung kollidieren muss. Auch in den Franchise- und Reboot-Wahn fügt er sich ein, hat der Charakter Jack Ryan doch bereits eine ausgedehnte Kinogeschichte, beispielsweise in „Der Anschlag“ (2002), dargestellt durch Ben Affleck oder in „Jagd auf Roter Oktober“ (1990), verkörpert durch Alec Baldwin. Alle wichtigen Rollen sind mit bekannten Schauspielern besetzt, die sich in ihren standardisierten Rollen nicht sonderlich auszeichnen können, aber auch nicht negativ auffallen. Eine Ausnahme stellt hier Kenneth Branagh dar, der selbst Regisseur des Streifens ist und sich als Antagonist Cherevin teilweise derart plakativ inszeniert, dass dies manches Mal schon unfreiwillig komisch wirken kann.


Das resultierende Potpourri aus Action, Thrill und Spionage fügt sich als Unterhaltungskino zusammen. Die Handlung schiebt immer wieder nach dem normalen Blockbuster – Strickmuster Spannungsmomente ein. Kopf aus, Film an: so funktioniert Jack Ryan auf jeden Fall. Setzt man sich als Zuschauer aktiver mit dem Film auseinander, kann der 0/8/15 – Ansatz allerdings an so manchen Stellen negativ auffallen und Spannungs-, sowie Actionmomente untergraben. Rechnet man noch kleinere Story-Absurditäten und das Gefühl mit ein, dass den bekannten Standardsituationen wenig Neues abgewonnen wird, fehlt zum zufriedenstellenden Filmerlebnis ein nicht geringes Stück.


Vielleicht lässt sich Shadow Recruit als eine Hommage an ältere Kino-Zeiten lesen, aber wenn dem so ist, dann steht ihm die moderne Aufmachung nur bedingt gut zu Gesicht. Es handelt sich um solide Action-Unterhaltung, mit wenigen Hochs und Tiefs und einer ganz starken Brise amerikanischem Pathos: Und falls sich noch jemand wundert, weshalb die Geheimdienste in Übersee so operieren können, wie sie es tun, sei die- oder derjenige dazu eingeladen, bei „Jack Ryan: Shadow Recruit“ einfach mal zwischen und in den Zeilen lesen.